Leidenschaft erzeugt Leidenschaft.
Goethe
Zwischen Herde und Hochschule
Mit der Unterstützung dreier Reiseteilnehmer schafft ein junger Afrikaner sein Uni-Examen
Paul Thelen, Klaus Horbaschek und Peter Westenberg haben vor Jahren als Teilnehmer unserer „60+“-Touren die Lebensumstände der Menschen in Afrika kennengelernt und sich entschieden, einem jungen Mann das BWL-Studium in seiner Heimat zu ermöglichen. Sie haben 4 Jahre lang neben der Unterkunft alle Studiengebühren, Exkursionen und Arbeitsmaterialien finanziert. Nun hat „ihr“ Vitalis ein klasse Examen geschrieben. Der folgende Bericht von Paul Thelen (inzwischen unser Tour-Guide am Killi) zeigt, dass unsere Touren nicht nur jede Menge Abenteuer bieten, sondern auch menschliche Begegnungen ermöglichen, die einzigartig sind.
„Nach meinem Besuch bei der Familie von Vitalis und in der Universität in Arusha bin ich ziemlich sicher, dass wir den Richtigen unterstützt haben. Aber der Reihe nach: Als wir am Abend des 31. Januar von der Besteigung des Kilimanscharo zurückkehrten und mit der Gruppe unseren Gipfelerfolg bei einem Abendessen feierten, erschienen Vitalis und dessen Vetter, ein 27-jähriger, sehr sympathischer, bestens Englisch sprechender Massai, in der Mt. Meru View Lodge. Beide waren eine Bereichung des Abends, da uns Vitalis von seiner Familie und seinem Studium erzählte und sein Vetter u. a. darüber, dass er bisher zum Schutz seiner Herde 2 Löwinnen erlegen musste.
Tags darauf bin ich dann mit den beiden zur Familie von Vitalis, die ca. 150 km entfernt im Umfeld der großen Stadt Karatu eine kleine Farm betreibt, gefahren. Ich habe seine Eltern, beide ca. 57 Jahre alt, einen Bruder, 2 Schwestern und einen Neffen kennengelernt. Die Farm hat mehrere Gebäude, ein relativ neues, ca. 6 Jahre altes kleines Haupthaus, das im Wesentlichen Vitalis aus den dort üblichen, selbst hergestellten Lehmziegeln mit seinem Vater gebaut hat. Es gibt keinen Strom- und keinen Wasseranschluss. Im Haupthaus leben seine Eltern. Ein weiteres stallähnliches Gebäude aus Lehm und Holzstangen dient der übrigen Familie als Schlafstätte und Waschküche. Über den Betten sind Ackergeräte verstaut. Das dritte Gebäude ist die Küche, ein niedriger Lehmbau mit offener Feuerstelle. Wände und Decken sind vollkommen verrußt. Die Toilette ist im Moment ein offener „Balken“, von Gebüsch umwachsen; daneben stehen zwei neue Ziegel-Toilettenhäuschen, die aber noch einer Hündin als „Wochenbett“ mit ihren Jungen diente. Das letzte Gebäude ist ein Ziegenstall, in dem etwa 20 Ziegen unterstehen. Draußen stehen auf trockenem Land sieben Kühe.
Alle haben mich freundlich empfangen. Ich hatte einige Geschenke (Schuhe, Mützen, T-Shirts etc.) mitgebracht, und der Vater von Vitalis hielt für mich einen „Wanderstab“ und einige kleine bemalte Schnitzereien bereit. Das Essen, vor dem ich Bammel hatte, bestand Gott sei Dank aus Reis und Hähnchen mit Obst, so dass ich damit keine Probleme hatte.
Ich bin ziemlich lange (ca. 3 Stunden) dort geblieben und habe dabei viel über die jeweilige Situation der meisten Familienmitglieder erfahren. Insgesamt habe ich einen guten Eindruck von der Familie bekommen; die jüngeren Kinder gehen noch in Primary oder Secondary School und sprechen schon ordentlich Englisch. Vor allem hörte ich heraus, dass Vitalis praktisch schon vor ca. 6 Jahren von seiner Großmutter, die kurz danach verstorben ist, als Familienoberhaupt bestimmt wurde. Vitalis Vater hatte ihn und auch seine kleineren Brüder in jungen Jahren immer wieder gezwungen, während und nach der Schule Feldarbeiten zu erledigen und so die Schule zu versäumen. Das hat die Großmutter beendet und dafür gesorgt, dass sie zur Schule gehen konnten. Heute fühlt sich Vitalis mit seinen 29 Jahren verantwortlich für die Familie und denkt auch darüber nach, wie es mit seinen Eltern weitergeht, wenn sie aus Altersgründen die Farm nicht mehr betreiben können. Ein Großteil der Familie ist zu Vitales’ Examensfeier nach Arusha gereist und war natürlich sehr stolz auf ihn.
Am 2. Februar war ich dann mit Vitalis in der Uni, wo er studiert hat. Ich habe mehrere Professoren getroffen, die sich alle lobend über Vitalis äußerten, habe seine Unterkunft gesehen (8 qm für 2 Studenten), die Vorlesungssäle und den ganzen Campus, der einen sehr ordentlichen Eindruck machte.
Aus beiden Tagen habe ich den Eindruck gewonnen: Wir haben mit Vitalis einen jungen Mann unterstützt, der es verdient hatte. Leider hat er noch keinen Arbeitsplatz. Er hat sich bisher bei 3 Ministerien beworben; weitere Bewerbungen stehen an. Ich habe ihm empfohlen, Kontakt mit Konzernen wie Coca Cola oder Nestle aufzunehmen, um nicht nur die Schiene „Government“ zu verfolgen. Er wird uns berichten, wie es bei ihm weitergeht.“




